6 Minuten Lesedauer

Der neue Eurobike-Chef im Interview:

„Wir müssen wieder besser in die Branche hineinhören“

Stürmische Zeiten für die Weltleitmesse: Zwischen Marktkrise und Standortkritik sucht die Eurobike nach ihrer neuen Identität im Herzen Frankfurts. Philipp Ferger ist der Mann, der seit dem 1. Januar als Geschäftsführer der Fairnamic das Ruder übernommen hat. Sein Ziel ist klar: Weg vom starren Gigantismus, hin zu mehr Dialog und Effizienz. Doch wie gewinnt man verlorene Aussteller zurück? Und wie sieht die Messe der Zukunft für den Fachhandel aus? Wir haben mit Philipp Ferger über „Brandspaces“, KI-gestützte Kundenakquise und den Fahrplan bis 2027 gesprochen.

Herr Ferger, ich habe das Bild vor Augen, dass Sie sich Mitte Dezember eigentlich auf eine ruhige Weihnachtszeit gefreut hatten und dann überraschend als Kapitän auf die Brücke eines leckgeschlagenen Messetankers gerufen wurden, um ihn vor dem Sinken zu bewahren. Trifft diese Beschreibung die Situation?
Zunächst einmal ist es wichtig, auch in rauer See und wenn es wirklich herausfordernd ist, mal abzuschalten und Kraft bei der Familie zu tanken. Es lief so ab, dass die Gesellschafter der Fairnamic Ende des Jahres mit der Herausforderung an mich herangetreten sind. Seit dem 1. Januar sitze ich nun als Geschäftsführer auf der Brücke und kümmere mich federführend um die Neupositionierung der Eurobike. Das Bild eines sinkenden Schiffes würde ich jedoch nicht wählen. Wir befinden uns eher in einer rauen See und haben zuletzt etwas die Orientierung verloren. Die Branche hat uns aber im Beirat sehr klar signalisiert, dass sie eine zentrale internationale Plattform will und braucht. Unser Ziel ist eine komplett neue Eurobike ab 2027 und 2026 markiert als Meilenstein den Auftakt dieser Neuausrichtung.

Stimmt das Bild der Eurobike als „Tanker“, der vielleicht zu schwerfällig ist für einen Kurswechsel?
Ein Tanker ist für mich ein Schiff, das extrem schwer zu steuern ist. Ich verantworte Messen, die flächenmäßig dreimal so groß sind wie die Eurobike – das sind Tanker. Die Eurobike ist komplex, weil sie viele verschiedene Anspruchsgruppen vereint, aber sie ist kein Tanker im Sinne von Schwerfälligkeit. Wir sind aber auch kein Schnellboot. Wir haben eine gute Mannschaft, die jetzt dafür sorgt, dass wir wieder klarer sehen, Dinge besser kommunizieren und besser in die Branche hineinhören.

Zuletzt gab es prominente Absagen von Unternehmen, die der Messe den Rücken gekehrt und zum Teil auch deutlich gemacht haben, dass sie nicht vorhaben, diese Entscheidung zu revidieren. Kommt das Commitment für eine Leitmesse auch von diesen Akteuren?
Wir starten jetzt erst mit unseren One-to-One-Workshops. Man muss verstehen: Wenn ein Unternehmen absagt, tut es das auf Basis des Ist-Zustandes. Wenn wir aber gemeinsam mit der Branche eine neue Zukunft kreieren, ändert sich die Entscheidungsgrundlage. Wir wollen ein Produkt schaffen, das genau die Punkte adressiert, weshalb Aussteller bisher weggeblieben sind. Wir müssen wieder „Value for Money“ bieten, um sie zu überzeugen. Ob wir 2027 alle zurückgewinnen, kann ich heute noch nicht sagen, aber wir setzen genau dort an.

"Wir als Messeveranstalter bauen die Plattform, aber die Player müssen entscheiden, wie diese aussehen soll."

Liegt die Bringschuld für diesen Erfolg allein bei Ihnen als Veranstalter?
Es ist ein gemeinschaftlicher Weg. Wir als Messeveranstalter bauen die Plattform, aber die Player müssen entscheiden, wie diese aussehen soll – etwa ob B2B oder B2C im Fokus steht. Wir fungieren als Übersetzer und Transformator von Branchenbedürfnissen in Messekonzepte. Aber wer eine neue Eurobike will, muss sich auch mit uns an den Tisch setzen und Zeit investieren. Gedanken lesen können wir nicht.

Ein Hauptkritikpunkt sind die explodierenden Messekosten am Standort Frankfurt. Haben Sie dafür eine Lösung?
Wir müssen hier mit einem Irrglauben aufräumen: Ein Messeveranstalter hat auf maximal 20 Prozent des Gesamtbudgets eines Ausstellers Einfluss. Das ist die Standmiete. Der Rest entfällt auf Standbau, Personal, Reisekosten und Catering. Wenn wir die Standmiete um 10 Prozent senken würden, hätte das auf die Gesamtkosten einen Effekt von gerade einmal 2 Prozent. Internationale Leitmessen, ob Bike-Branche oder andere Branchen, werden auch in Zukunft immer noch die bedeutenden Plattformen sein, die die relevanten Player zusammenbringen. Aber muss dieses Format immer noch mit 500- oder 1000-Quadratmeter-Ständen bespielt werden? Ich glaube, die Lösung liegt eher in intelligenten, smarten Flächenkonzepten.

"Muss dieses Format immer noch mit 500- oder 1000-Quadratmeter-Ständen bespielt werden?"

Wie könnten solche Konzepte konkret aussehen?
Wir führen für 2026 sogenannte „Brandspaces“ ein. Das sind kuratierte Gemeinschaftsareale mit einem Plug-and-Play-Ansatz. Statt eines Wettbietens um riesige Stände bieten wir Marken die Möglichkeit, sich auf kleinerer Fläche in einem hochwertigen Umfeld mit inkludiertem Catering und Networking-Lounges zu präsentieren. Dort wird künftig beispielsweise auch wieder eine Retail-First-Lounge angedockt. Das ist ein Labor für uns, um zu sehen, wie solche Konzepte angenommen werden. Zudem integrieren wir digitale Angebote wie ein „Lead Success Modul“, bei dem wir mittels KI datenschutzkonform „Lookalikes“ ermitteln – also potenzielle Kunden in unserem Datenbestand, die genau zum Aussteller passen, aber vielleicht noch nicht an seinem Stand waren. Solche Ansätze sind bei anderen Veranstaltungen der Messe Frankfurt bereits erfolgreich im Einsatz.

Warum sollte ein Fachhändler in Zukunft noch zur Eurobike kommen?
Unser Ziel ist es, wieder die Plattform für echte Neuheiten zu sein. Aber die Eurobike muss mehr sein als nur eine Produktschau: Sie muss dem Fachhandel auch Content, Weiterbildung und Networking bieten. Nach der Pandemie haben wir gemerkt, wie wichtig das Haptische und der persönliche Austausch sind. Und dazu zählt auch der Event-Charakter einer Messe und das gemeinsame Feiern nach Messeschluss.

Das klingt ein bisschen nach einer Beschreibung der Eurobike, wie sie früher einmal war.
Das ist nicht der aktuelle Ist-Zustand der Eurobike, aber unser Anspruch ist, mittelfristig dort wieder hinzukommen. Wir müssen aber auch den Einzelhandel aktiv fragen: Was sind eure Benefits für die Zukunft, was erwartet ihr von der Eurobike? Wir wollen dahin zurück, dass der Händler sagt: „Das ist so wertvoll für mich, da muss ich hin“.

Zum Abschluss drei kurze Fragen mit der Bitte um eine Einschätzung auf einer Skala von 1 (unwahrscheinlich) bis 10 (sicher).
Wie wahrscheinlich sind Publikumstage bei der Eurobike 2027?

5.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ZIV und Zukunft Fahrrad das Ownership der Eurobike übernehmen?
Diese Frage müssen Sie an den ZIV und an ZF richten.

Wie sicher ist es, dass die Eurobike im Juni 2026 stattfindet?
10.

Dann dürfen wir gespannt, welche Weichen Sie für die Eurobike bis dahin noch stellen werden. Vielen Dank für dieses Gespräch.

Heute um 12:08 von Markus Fritsch

Verknüpfte Firmen abonnieren

Fairnamic GmbH
Nur für Abonnenten
News
Nur für Abonnenten
Kommentare
Nur für Abonnenten
Stellenmarkt
Messe Frankfurt GmbH
Nur für Abonnenten
News
Nur für Abonnenten
Kommentare
Nur für Abonnenten
Stellenmarkt
Velobiz Plus
Die Kommentare sind nur
für unsere Abonnenten sichtbar.
Jahres-Abo
115 € pro Jahr
  • 12 Monate Zugriff auf alle Inhalte von velobiz.de
  • täglicher Newsletter mit Brancheninfos
  • 10 Ausgaben des exklusiven velobiz.de Magazins
Jetzt freischalten
30-Tage-Zugang
Einmalig 19 €
  • 30 Tage Zugriff auf alle Inhalte von velobiz.de
  • täglicher Newsletter mit Brancheninfos
Jetzt freischalten
Sie sind bereits Abonnent?
Zum Login